ISIS setzt Drohnen ein

Die Pressestelle der SDF, der  syrischen demokratischen Front, einem Zusammenschluss von Kurden, Arabern, Assyrern, Armeniern, Turkmenen und Tscherkessen  meldet, dass der Islamische Staat Drohnen besitzt und einsetzt.

Die abgebildete Drohne wurde von SDF Milizen südlich der Stadt Manbij abgefangen.

Bild (Link) der SDF (c)

Quelle: SDF Presse

Internet: Teilhabe der Öffentlichkeit am Drohnenkrieg

Der Mensch denkt in Bildern.  Und er behält visualisierte Inhalte deutlich besser im Kopf als Informationen, die ihn sprachlich oder textlich erreichen. Fotos berühren viele Menschen emotional, Texte eher weniger. Texte erfordern eine höhere Aufmerksamkeit, Bilder prägen sich on the fly ein.

Folgerichtig ist also aus der Sicht kriegsführender Parteien, dass man die Veröffentlichung von Bildern zum Krieg verhindert, soweit es die Auswirkungen und Folgen der eigenen Waffen betrifft. Sucht man im Internet über Google nach Bildern zum Drohnenkrieg, erhält man die Bilder der Hochglanzprospekte der Waffenhersteller:

hochglanzdrohnenkrieg
Quelle: Google, 9.9.2014

Artikel, die das Leid der Zivilbevölkerung (wegecon 2014) schildern, sind rar. Bilder oder Videos der Angriffe selbst gibt es so gut wie nicht. Die nachfolgenden Punkte beziehen sich auf durch ermittelte, von der kriegführenden Partei nicht zugegebenen bzw. gemeldeten Drohnenangriffe.  Eine spektakuläre, die Emotionen der Massen berührende Inormation sieht anders aus.

  • September 1, 2014 Somalia
    Ahmed war im Wald. Aus dem Himmel kamen vier Raketen, von einer Drohne abgeschossen. Mindestens vier Tote.
  • August 16, 2014 Jemen
    Drei Männer fuhren auf einer Wüstenpiste, eine Drohne feuerte Raketen aufsie ab, alle starben.
  • August 9, 2014 Jemen
    Bei einem US-Drohnenangriff auf ein Haus in Marib wurden 3 Leute getötet und zwei Frauen verwundet.
    [mehr …]

Der Drohnenkrieg wird über das Internet geführt, die Akteure der einen Seite sitzen am Joystick und am Bildschirm tausende Kilometer von der Drohne und dem Einsatzort entfernt. Das ist zu wenig spektakulär, um es dauerhaft auf die Titelseiten der Zeitungen zu schaffen.

Während des Vietnam-Krieges, einem der längsten und und grausamsten Kriege des 20. Jahrhunderts, war die Berichterstattung noch wesentlich Bild lastiger.  Der Krieg der USA wurde durch das Fernsehen zum „living room war“.  Den Fotografen „gelangen“ Schnappschüsse, die als Ikonen in die Kunst- und Fotogeschichte eingingen (Hinrichtung eines Vietcong-Verdächtigen,  Zivilistenmassaker in Mey Lee, eine Gruppe von fünf Kindern auf der Straße bei dem Dorf Trang Bang nach einem Napalmangriff, unter ihnen ein vor Angst schreiendes, nacktes neunjähriges Mädchen).

Quelle: Google, 9.9.2014
Quelle: Google, 9.9.2014

11 Tote nach Drohnenangriff in Pakistan

19.7., Metadata+: in Nord-West Pakistan wurden 11 Personen von sechs Raketen nach einem Drohnenangriff getötet. Die getöteten Personen hätten zur Zeit des Angriffs in Zelten und Lehmhäusern geschlafen, wie über die Metadata-App bekannt wurde. Ob wieder Kinder unter den Getöten sind, ist nicht bekannt. Offenbar jedoch werden die Angriffe auf pakistanischem Territorium von der pakistanischen Regierung geduldet. Die pakistanische Armme geht seit dem 30.6.2014 gegen Taliban und Al-Kaida-Kämpfer im eigenen Land vor.

Unter den Dronenangriffen befinden sich auch immer wieder sogenannte Signaturangriffe, die dieser BLOG in Hinblick auf seine Auswirkungen auf Demokratie und Rechtsstaat kritisch betrachtet. So könnten für die Zielauswahl  illegal Daten einer Impfkampagne herangezogen worden sein.

rewe

Grauenhaft entstelltes vierjähriges Drohnenopfer entführt

Am 7. September 2013 verlor ein vierjähriges afghanisches Mädchen Teile seines Gesichtes und eine Hand, es soll von US-Truppen widerrechtlich außer Landes gebracht worden sein. Die Verwandten sprechen von einer Entführung.

In diesem Beitrag geht es um Menschrechte in Kriegsgebieten, um eine Betrachtung des Drohnenkrieges aus Sicht von Rechtsstaat und Demokratie. Bei dem beschriebenen Drohneneinsatz handelt es sich nach Kenntnis dieses Blogs weder um einen geheimen Drohneneinsatz noch um die Bekämpfung einen Signaturzieles.

Am 7. September 2013 war die kleine Aisha Rashid gemeinsam mit ihren Eltern auf dem Weg von der afghanischen Hauptstadt Kabul in ihr heimatliches Dorf in der Provinz Kunar. Es war ein heißer Tag und sie waren bereits im Nachbardorf angekommen, als neben ihnen die Drohne explodierte (Quelle: Expressen.se). NATO Drohnen hatten einen Pickup zerstört, bei den Insassen handelte es sich um Zivilisten, beim Fahrer soll es sich jedoch um einen Kurier handeln, der schon oft Aufständische mitgenommen habe. Vier Frauen, vier Kinder und vier Männer wurden laut Bericht des Provinzgouverneurs getötet, vier Männer sollen militanten Taliban zugerechnet werden. Die NATO bestätigte den Drohnenschlag jedoch seien keine Zivilisten ums Leben gekommen.

Ihr Onkel Meya Jan befand sich gerade zuhause, als er telefonisch vom dem Ereignis in Kenntnis gesetzt wurde. Er eilte mit anderen zum Einschlagsort. Plötzlich hörte er eine Stimme: „Wasser, Wasser„.

Es ist Aisha. Sie hat ihre Hand verloren, ihr Bein blutet, von ihren Augen und ihrer Nase ist nichts übrig geblieben.

Eilig wird Aisha in das Krankenhaus von Asadabad gebracht, die Ärzte dort können allerdings nichts für sie tun. Sie wird mit dem Krankenwagen in das Krankenhaus in Jalalabad verlegt, eine Rekonstruktion des Gesichtes ist aber auch den dortigen Ärzten nicht möglich. Unter Vermittlung der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) wird Aisha vier Tage später mit dem Hubschrauber nach Kabul geflogen.

Im Krankenhaus in Kabul wird ihr der afghanische Präsident Karsai vorgestellt. Dieser sagt über die Begegnung mit Aisha fünf Monate später gegenüber der Washington Post folgendes: „Sie hat bei dem Bombenangriff in Kunar ihre gesamte Familie verloren, 14 Angehörige. An diesem Tag (39 Sekunden Pause, Karzai kämpft mit seinen Gefühlen) … an diesem Tag … ich wünsche, sie wäre tot, begraben mit ihren Eltern und Brüdern und Schwestern. Jetzt kann sie wieder gehen, wir arrangierten es so, dass sie nach America kommt, dort ist sie jetzt. (Übersetzt vom wegecon BLOG)

Die noch lebenden Verwandten, darunter ihr Onkel Jan and Aisha’s anderer Onkel, Hasrat Gul, erheben schwere Vorwürfe gegen die afghanische Regierung und die USA. Sie hätten keine Genehmigung gegeben, Aisha außer Landes zu bringen. Sie sprechen von Entführung. Vom Verbleib ihrer Nichte hätte man ihnen nichts mitgeteilt. Die Onkel glauben, dass US-Militär versucht ihre Nichte zu verstecken um keine Diskussion über das sensible Drohnen-Thema aufkommen zu lassen. Die beiden Onkel gaben der Anwältin von Expressen, T. Christiansson, eine Vollmacht mit, damit diese Schritte in die Wege leitet, Aisha zu finden.

Eine abenteuerliche Reise begann, die Christiansson selbst als „kafkaesque“ beschreibt. Demnach hätten die ISAF-Truppen Aisha wenige Tage nach Karsai’s Besuch übernommen. Die ISAF hatte kurz darauf Aisha einer Hilfsorganisation mit dem Namen „Solace“ übergeben, diese kümmert sich um internationale Hilfe für kriegsversehrte Kinder. Nach Kenntnis dieses BLOGs läuft das prinzipiell so, dass die Finanzierung für den Auslandsaufenhalt des kindlichen Kriegsopfers gesichert wird und dieses nach der Akutbehandlung in eine Pflegefamilie (Anmerkung: in den USA) gegeben wird, bis es zurück in sein Heimatland gebracht werden kann. Laut Solace wurde Aisha im Walter Reed National Military Medical Center außerhalb von Washington, DC, untergebracht. Anfragen von Reportern, sie dort besuchen zu dürfen, wurden ignoriert.

Mit der Familie von Aisha wurde offenbar zu keinen Zeitpunkt Kontakt aufgenommen. Patsy Wilson, Mitgründerin von Solace, meinte dazu lapidar, man sei davon ausgegangen, dass sie keine Familie hätte. Der Pressereferent von Solace, Walter Reed, teile allgemein mit, für Nachfragen zum Gesundheitszustand von Aisha solle man (Anmerkung: damit ist wohl die Familie gemeint) sich an Stellen im Landkreis (Kundus) wenden.

Die Familie, die überhaupt keine Nachricht von oder über Aisha erfahren hat, geht davon aus, dass US-Truppen sie gekidnapt haben, damit die grauenhaft entstelle Aisha

„kein Poster-Girl für die Auswirkungen des Drohnenkrieges“

wird.

Mittlerweile hätten sie Zweifel, ob sie überhaupt noch lebt.  Der afghanische Präsident Karsai mischte sich erneut ein, was er erfuhr, teilte er den Angehörigen mit: Aischa ist blind geblieben und wird nie ein normales Leben führen können. Mit Mitteln der plastischen Chirurgie versuche man in den USA, ihr Gesicht wieder halbwegs zu rekonstruieren. Karsai weiter: sie schreie und wisse nicht, wo sie sich befindet. Sie frage nach ihrem dreijährigen (getöteten) Bruder. Sie wolle zurück, „in dem Dorf hier“ kenne sie niemanden.

Die Familie von Aisha fordert, dass Aisha die USA sofort verlassen soll: „Wir waren und sind dagegen, dass die USA sie genommen haben (wörtlich, sinngemäß: dass die USA sich um sie kümmern). Die USA haben ihre Familie getötet und nun haben sie Aisha selbst in den Händen. Für weitere Behandlungen solle Aisha nach Deutschland oder Frankreich gebracht werden. Die USA würden dies jedoch verhindern, damit die Schwere der durch den Drohnenangriff erlittenen Verletzungen von Aisha von der Presse westlicher Medien nicht „an die große Glocke“ gehangen werden kann (frei übersetzt vom wegeconBLOG).

In die Rechte von Aisha und ihrer Famile wurde eingegriffen. In ihr Recht auf Leben, auf körperliche Unversehrtheit, auf Eigentum und in die freie Entfaltung der Persönlichkeit wurde eingegriffen. Der Eingriff in die Rechte der Familie bedeutete überwiegend den Tod von Familienangehörigen, das Szenario insgesamt, soweit es die Zivilpersonen betraf, wird von den Verantwortlichen gerne als „Kollateralschaden“ klassifiziert.  Sie gerieten in eine kriegerische Auseinandersetzung, die selbst nach den Bestimmungen der Vereinten Nationen als legal zu bezeichnen ist. Der Drohneneinsatz im Krieg ist prinzipiell zulässig, um einen Signaturangriff könnte es sich handeln, es sich aber unwahrscheinlich zu sein.

Was mit den zivilen Opfern der Drohnenkriegsführung nach dem kriegerischen Akt geschehen ist, ist völkerrechtlich unzulässing.  Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, … ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.
(Art. 12 UN Menschenrechtserklärung)

Und der Rechtsstaat schweigt.

Dass, was nach Guantanamo vom Rechtsstaat USA übrig blieb, schweigt. Und der Internationale Gerichtshof in Den Haag? Schweigen. Rechtsstaat und Demokratie gehören zusammen, sind die sprichwörtlichen zwei Seiten derselben Medaille. Einige wenige Journalisten und noch viel weniger BLOGs berichten, ein Aufschrei der Weltöffentlichkeit bleibt aus. Liegt es an der Art der Tötung via Joystick in einem von aller Zivilisation entfernten staubigen Tal am Ende der Welt? Fehlt die Unmittelbarkeit, die Wucht der Bilder, die im Vietnamkrieg die Öffentlichkeit wachrüttelte? Der Krieg via Internet und Joystick ist die saubere Variante des Krieges? Es werden keine verletzten Soldaten heim geflogen, denn dieser sitzt vielleicht während der Kampfhandlung an Flatscreen und Joystick im CIA-Hauptquartier und von den zivilen Opfern sieht man nichts, da den Einsatzort kein Journalist vorher kennt. Eine Kampflinie im klassischen Sinne ist verschwunden. Nicht ohne Grund steht in der Präambel der Menschenrechtserklärung geschrieben, dass die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei führt, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen. Die Empörung der Menschheit jedoch, sie bleibt aus. Vor dem Hintergrund des tausendfachen Todes Unschuldiger in den USA am 11.9.2001 durch einen terroristischen Akt nimmt die Weltöffentlichkeit Tod und Verstümmelung genauso unschuldiger Opfer in den Staaten, in dennen die Täter lebten, hin.

Wer erwartet, so den Nährboden für Demokratie, Frieden, Freiheit und Meinungsfreiheit in Afghanistan, Pakistan, Somalia oder dem Jemen zu bereiten, wird sich getäuscht sehen. Die Wahrscheinlichkeit eines abermaligen verheerenden Anschlags durch dort beheimatete Tätergruppen wird durch die Opfer in der Zivilbevölkerung eher steigen und insofern sollten wir dem Schicksal von Aisha und den anderen zivilen Opfern nicht gleichgültig gegenüber stehen.

Quellen: RT.com, Dronestre.am, Büro des investigativen Journalismus, Stop the War Coalition, Metadata+ iPhone App, Resolution der Generalversammlung
217 A (III). Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, UNAMA, Afghanische Präsident bzw. Regierung, Wolfram Alpha

schwarzerose

Ex-NSA-Chef bestätigt Tötungen aufgrund von Metadaten

Big Data Signaturziele für Drohnenangriffe“ lautete ein wegecon-BLOG-Beitrag vom 25.2.2014. Das darin beschriebene Szenario wurde nun von dem früheren NSA-Chef Michael Hayden im wesentlichen während einer Veranstaltung der John-Hopkins-Universität bestätigt. 

„Wir töten Menschen auf der Basis von Metadaten“

, sagte Hayden.

Zum Beitrag „Big Data Signaturziele für Drohnenangriffe“ …

waldboden-blueht

Big Data Signaturziele für Drohnenangriffe

Big Data Analysen, also die Auswertung und Bewertung riesiger, verknüpfter Datenmengen, erlauben eine über die Wahrscheinlichkeitsberechnung hinausgehende Mustererkennung.  Dieser BLOG Beitrag beschäftigt sich heute mit Big Data Analysen zur Erkennung von Angriffszielen für Drohnen und deren Auswirkungen auf Demokratien.

Seit 2002 setzt der US-amerikanische Geheimdienst CIA Drohnen im Kampf gegen den Terrorismus ein. Die Einsatzgebiete für die Drohnen liegen in Somalia, Jemen, Afghanistan und Pakistan. Laut Amnesty International (AI)  gab es  zwischen Januar 2012 und August 2013 allein in der pakistanischen Bergregion Nord-Waziristan 45 Drohnenangriffe.
Eine Auflistung von Droheneinsätzen und deren Folgen finden Besitzer von Apple Geräten (iPhone App Metadata+) hier.

Metadata+

Rechtlich gesehen können Drohnenangriffe laut internationalen Gesetzen zulässig sein. Legitime Ziele sind Individuen, die sich direkt an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligen. Die bloße Mitgliedschaft in einer bewaffneten Gruppe rechtfertigt noch keinen Drohnenschlag.  Das Bedürfnis der USA nach nine eleven, sich mit neuester Technologie vor weiteren Anschlägen zu schützen, kann als nachvollziehbar bezeichnet werden.

Was bedeutet es aber für die Demokratie, wenn von Zielauswahl bis Zielbekämpfung ausschließlich Maschinen und Computer die Entscheidungen treffen?

Der US-amerikanische Geheimdienst NSA betreibt weltweit elektronische Überwachung. Die Daten hierzu gewinnt die NSA aufgrund eigener Maßnahmen, des weiteren werden von den Diensten kooperierender Staaten Daten zur Verfügung gestellt.  Nach einem Bericht von Amnesty International wurden US-Drohnenangriffe in Pakistan mit Geheimdienstinformationen aus Deutschland unterstützt. Das teilte die Menschenrechtsorganisation unter Berufung auf pensionierte pakistanische Geheimdienstoffiziere mit. Deutschland habe dem US-Geheimdienst CIA sogar Daten wie Handy-Nummern von späteren Drohnen-Opfern geliefert. Der „Tagesspiegel“ berichtete kürzlich darüber.

Bei der NSA werden alle verfügbaren Daten ausgewertet, um terroristische Aktivitäten zu erkennen.  Dies bedeutet, dass beispielsweise die Mobilfunkdaten aus Pakistan und Afghanistan nach Mustern durchsucht werden, die auf ein typisches Nutzungsverhalten von Personen hinweisen, die sich (elektronisch) so verhalten, wie sich ein (realer) Terrorist verhalten würde. Die Suche nach diesem Muster übernimmt ein Programm, welches laienhaft ausgedrückt der Kombination des Google Suchalgorithmus in Kombination mit einem virtuellen Cloud-Controller entspricht, also in einen großen Netzwerk schnell und treffend komplexe Suchanfragen stellen kann und in einem vernünftigen Zeitraum ein (mathematisch) vernünftiges Ergebnis bekommt.

Vorgegeben wird bei der Suchanfrage ein Muster, das zu einem erkannten Terroristen aus Fleisch und Blut gehören könnte, quasi ein terroristentypisches must-have. Die eingegebenen Werte könnten zum Beispiel lauten: Nur Mobilfunkgespräche unter  30 sec, SIM-Card max. 10 min beim Provider angemeldet, vergangene Verbindungen mit mind. 5 bekannten Terror-Rufnummern, keine Benutzung von WWW-Geodaten, Bewegungsprofil (Daten der Mobilfunkmasten weist größere Lücken auf usw.).

Die Suche im abgeschöpften, verknüpften Datenbestand identifiziert dann physisch existente SIM-Cards und/oder Mobilfunkgeräte, die zur Überprüfung des Ergebnisses in weitere Big Data Analysen einbezogen werden.

Bestätigung findet das eben beschriebene Szenario durch Angaben des ehemaligen Drohnenoperators für die militärische Joint Special Operations Command ( JSOC ), der auch mit der NSA arbeitete: Die NSA identifiziere Ziele häufig  basierend auf Metadaten und Handy- Tracking-Technologien. Angaben von Personen vor Ort werden nicht mehr benötigt, durch die Verwendung des Handys wird angenommen, dass der Benutzer ein Terrorist ist und über die Geolocation-Daten des Providers der Drohnenschlag ins Ziel gelenkt. Seine Angaben werden durch geheime NSA-Dokumente von Whistleblower Edward Snowden bestätigt (Glenn Greenwald).

Letztendlich ungeprüft bleibt, wer wirklich im Besitz von SIM-Card oder Mobiltelefon ist. Auch der übelste Terrorist verliert sein Handy, verleiht es an Familienangehörige, vielleicht verkauft er es sogar.  Freunde , Kinder, Ehepartner und Familienmitglieder werden auch absichtlich in Gefahr gebracht, um die Ermittlungsbehörden zu verwirren, es werden die Handys und nur die SIM-Card absichtlich an Unbeteiligte weitergegeben. Die Drohne trifft das Handy, erst danach weiß man, wen man getroffen hat. Prinzipiell ist es durchaus möglich über Big Data Sammlungen und Verknüpfungen  Anonymisierungen zu Re-Anonymisieren. In der Natur der Sache liegt es jedoch, dass die Re-Anonymisierung aus dem verfügbaren Datenpool selbst heraus erfolgt. Im Falle der Drohnenangriffe gibt es eine mathematisch nicht zu rechtfertigende „Sprungstrecke“: die Annahme SIM-Card-Standort = Terroristennähe. Eine Personalisierung, wie sie zum Beispiel ein Erkennungsdienst akzeptieren würde, findet praktisch nicht statt.

Ob ein Computer allein die Entscheidungsgewalt hat oder nicht, dazu verweigerte die NSA eine Stellungnahme. Fragen zu einem Artikel  des „The//Intercept“ beantwortete die NSA nicht. Caitlin Hayden, ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, sagte, er könne nicht sagen, ob Drohnenangriffe überhaupt ohne den Einsatz der menschlichen Intelligenz veranlasst werden. Er betonte , „unsere Bewertungen werden nicht auf eine Informationen hin vorgenommen. Wir sammeln und prüfen Informationen aus einer Vielzahl von Quellen und Recherchemethoden , bevor wir Schlussfolgerungen zu ziehen“.

Der Mensch hat nicht mehr den Finger am Abzug, ein Prinzip, dass die Menschheit im Kalten Krieg die Konfrontation mit Atomraketen überleben ließ. Selbst NSA -Agenten scheinen zu erkennen, wie problematisch die Tracking-Technologie des Dienstes ist.
Ein NSA -Dokument aus dem Jahr 2005  stellt fest: “ Ebenso wie der Einsatz von „Little Boy“ (Atombombe im Zweiten Weltkrieg) auf Japan , stellt der Beginn der Drohneneinsätze aufgrund von Big Data  eine neue Ära dar (zumindest bezogen auf SIGINT und die Verwendung  exakter Geolocation Daten ). „ [sinngemäß übersetzt]
Dazu gibt es innerhalb der NSA ein Sprichwort: „SIGINT (signal intelligence, Fernmeldeaufklärung)  lügt nie.“ Es stimmt, dass SIGINT nie lügt , aber es gibt ein weites Feld für menschliche Fehlerquellen. “

Selbst vorausgesetzt, der menschliche Faktor wäre nicht vorhanden:

Wollen demokratische Gesellschaften die Entscheidung über Einsatzbefehle für Kampfmaschinen Computern überlassen?

Wie verträgt sich die Befehlsgewalt von Computersystemen mit dem Leitsatz „alle Gewalt geht vom Volke aus“. Wie soll ein vom Volk gewähltes Parlament die Regierung kontrollieren, die wichtige Entscheidungskompetenzen bereits an Maschinen abgegeben hat? Heute befehligen Computer bereits den Einsatz einer einzigen tödlichen Drohne, und morgen?

Haben die Entwickler des Drohnenkrieges die sauberste Kriegsführung aller Zeiten erfunden? „Man“, der Mensch, ist nicht beteiligt, weder als Soldat noch als Entscheidungsträger in der Etappe. Der einzige Humanoide, der noch eine Rolle zu spielen hat, ist der Operator am Joystick. Er erhält die Einsatzdaten für die Drohne, die er lenkt, von einer Instanz, die ausschließlich in Nullen und Einsen denkt. Die Toten, die sieht man nicht. Eigene Verluste: Fehlanzeige. Vom Krieg gezeichnet heimkehrende Soldaten: keine. Der saubere Krieg, die chirurgische Terrorbekämpfung: ein verführerischer Gedanke.

Die Sache hat nur einen entscheidenden Haken: Die demokratische Kontrolle beschränkt sich auf die Genehmigung für die Armee, mittels Big Data Drohnenangriffe zu veranlassen. Den Rest übernimmt der Computer, bis hin zu Entscheidung, ob ein tödlicher Drohneneinsatz ausgelöst wird. Der Ansatz ist militärisch und sicherheitstechnisch nachvollziehbar, unter demokratischen Grundsätzen aber höchst bedenklich und rechtsstaatlich abzulehnen, da Computer und Maschinen den Finger am Abzug haben und über Leben und Tod entscheiden.

Big Data Entscheidungen von Computern sind wissenschaftlich determiniert, aber weder sozial noch politisch oder kulturell geeignet, die Verantwortung für die Menschheit zu übernehmen.

Big Data Entscheidungen sind mathematisch korrekt, das Leben ist es nicht.

 Mohnfelder

Weitere Informationen zum Thema „Drohnenangriffe“ gibt es hier in englischer Sprache: http://droneswatch.org/ und hier in deutscher Sprache: Tagesspiegel

 

UPDATE 12.5.2014: Ex-NSA-Chef bestätigt: „wir töten aufgrund von Metadaten“.